Tja, nachdem ich mich nun also überwunden und meiner Erstgeborenen grünes Licht für den Start in ihre Reitkarriere gegeben habe, ging sie los, die Suche nach jemandem, der ihr das Reiten und den Umgang mit einem Pferd beibringt. Kein Problem, dachte ich, es wollen so viele kleine Mädels das Glück dieser Erde auf dem Rücken der Pferde suchen, da wird es Angebote geben wie Hafer im Pferdestall. Wie naiv! Zwar hatten mir viele Mütter hier in der Gegend bestätigt, dass ihre Kinder reiten oder voltigieren. Was sie aber nicht gesagt hatten, war, dass alle Reitgruppen voll waren und dass sie teilweise monatelang warten mussten, bis ihre Schätzchen endlich in die Nähe eines Gauls kommen durften. „Warteliste“ ist schon jetzt für mich das Unwort des Jahres 2017!

Freundlicherweise nannten mir einige Mütter Telefonnummern von Reit- und Volti-Trainerinnen. Ich hing tagelang am Telefon. Denn was ich auch schnell gelernt habe, war: Reitlehrer sind meist im Stall, in der Reithalle oder auf Turnieren, aber eher selten in der Nähe ihres Telefons. Aber nach und nach habe ich dann alle erreicht. Und in jedem Telefonat fiel das Wort „Warteliste“. Zu meiner Frustration gesellte sich Verwirrung: Für welche Art von Reitunterricht sollte ich mich entscheiden? Wie gesagt, ich komme vom Tennis und mir ist schon klar, dass verschiedene Trainer verschiedene Ansätze haben. Aber dass es so viele unterschiedliche Varianten gibt, um Kindern das Reiten beizubringen (und Reitlehrer sich offenkundig sehr schwer tun, diese nebeneinander bestehen zu lassen), überraschte mich dann doch.

Ein Kind, ein Pferd – 100 Meinungen

Da gab es die Trainerinnen (es waren wirklich ausnahmslos Frauen), die die Longe verteufelten: „Also falls Sie hier erwarten, dass ich die Kinder eine halbe Stunde an der Longe im Kreis reiten lasse und Befehle gebe, dann sind Sie bei mir falsch. Ich gehe die Sache spielerisch an, die Kinder reiten erstmal ohne Sattel und spielen eher mit den Ponys, statt sie zu reiten.“ Dann gab es die, die sagten, nur an der Longe könne man wirklich etwas lernen und dass Pferde keine Spielzeuge seien. „Der Longenunterricht ist gerade zu Anfang ganz wichtig“, erklärten sie mir. „Ansonsten schleichen sich gleich Fehler ein, die sich später gar nicht oder nur schwer korrigieren lassen.“

Ein paar Kilometer von unserem Wohnort entfernt gibt es die Möglichkeit, sein Kind selbst auf einem Pony durch den Wald zu führen. Dann marschieren da also fünf bis zehn Mütter mit einem Pony an der Hand und ihrem Kind darauf 30 Minuten durchs Unterholz. Ganz ehrlich: Dazu hatte ich keine Lust. Glücklicherweise wurde ich vor solchen Mutter-Pony-Kind-Karawanen ohnehin gewarnt: „Es gibt nichts Unproduktiveres, als Kinder auf Ponys stumpf hintereinander her marschieren zu lassen“, sagte eine der Reitlehrerinnen, als ich ihr von dieser Möglichkeit berichtete. „Diese Ponys gehen seit 25 Jahren die gleichen Routen in der gleichen Reihenfolge. Die marschieren einfach nur ihrem Vordermann hinterher – und die Kinder glauben dann, sie hätten sie gelenkt.“ Wichtig sei außerdem, betonte eine Reiter-Mutter, dass die Kinder früh lernen, die Pferde eigenständig fertigzumachen (was auch immer das heißt; ich nehme an: Putzen, Sattel drauf und so weiter). Dann gab es Muttis, die sagten, man müsse mit Volti anfangen, denn nur dann bekämen die Nachwuchsreiter ein Gefühl fürs Pferd. „Ein Jahr Volti, erst dann Reiten“, lautete die Ansage. „Um Gottes Willen, lass sie kein Volti machen“, ertönten die Warnsirenen anderer Mütter. „Da nehmen sie ganz schnell an Turnieren teil und trainieren dafür wie die Verrückten bis abends um 22 Uhr in zugigen Reithallen.“ Klang nicht verlockend, das gebe ich zu, aber wenn es gut fürs Gefühl ist?

„Immer drei Kinder“

Neben der Meinungsvielfalt zur Art des Unterrichts gab es auch große Unterschiede bezüglich der Gruppengröße: Die einen Trainerinnen schworen auf Einzelunterricht, die anderen sagten, dass es nur in großen Gruppen Spaß machen würde. Ein Telefongespräch ist mir dabei besonders im Gedächtnis geblieben:

Ich: „Hallo, meine fünfjährige Tochter möchte reiten lernen und ich habe gehört, Sie geben Reitunterricht, da wollte ich mal fragen…

Sie: „Bei mir immer drei Kinder, ein Pony, 90 Minute inklusive Putzen, 15 Euro.“

Ich: „Okay … sie hat überhaupt keine Reiterfahrung. Haben Sie da eine Anfängergruppe oder so etwas?“

Sie: „Macht nichts, sind immer drei Kinder, ein Pony, 90 Minute inklusive Putzen, 15 Euro.“

(Ich nahm an, die Gute muss diesen Satz häufig am Telefon runterspulen.)

Ich: „Gut. Also sind die Gruppen gemischt mit Anfängern und Erfahrenen?“

Sie: „Manchmal ja, manchmal nein. Immer drei Kinder.“

Ich: „Okay, könnten wir dann mal vorbeikommen, damit meine Tochter sich das mal anschaut und sieht, ob das etwas für sie ist?“

Sie: „Grad sind alle Gruppen voll.“

(Welch’ Überraschung!)

„Ich setze Sie auf die Warteliste.“

(Logisch.)

Ich: „Prima, danke. Können Sie absehen, wann da ein Platz frei werden könnte?“

Sie: „Leider nein. Vielleicht mache ich aber auch noch ein Gruppe auf.

(Lassen Sie mich raten: Mit drei Kindern?)

„Melden Sie sich in ein paar Wochen nochmal.“

Die Entscheidung

Nun stand ich auf fünf Wartelisten. Eine Telefonnummer war noch offen: Hier bei uns ganz in der Nähe gibt eine erfahrene Reitlehrerin noch vereinzelt Reitstunden. Sie war meine letzte Hoffnung. Ich wählte ihre Nummer und war ehrlicherweise ein bisschen aufgeregt. Würde ich wieder eine Abfuhr bekommen? Wieder Warteliste? Ein weiteres „Drei-Kinder-15-Euro-Gespräch“? Es war genau das Gegenteil. „Ja, das klappt“, antwortet die Dame, „lassen Sie uns kurz nach dem sechsten Geburtstag ihrer Tochter nochmal telefonieren. Dann machen wir einen Termin aus, der uns allen gut passt.“ Wahnsinn – wie unkompliziert! Ich hatte quasi bei uns vor der Haustür die Reittrainerin im Heuhaufen gefunden und öffnete im Geiste schon eine Flasche Sekt – ach was: Champagner! Zumal der Preis unschlagbar war: 10 Euro für dreißigminütigen Einzelunterricht an der Longe (plus 15 Minuten „Pferd fertigmachen“).

Ich sagte zu.

Doch nach der ersten Euphorie kam die Ernüchterung. Einzelunterricht. Longe. Bin ich davor nicht gewarnt worden? Nun, ich bin bei meiner Entscheidung geblieben. Nicht nur mangels Alternativen – ich stand ja auf einigen Wartelisten und früher oder später wäre wohl irgendwo etwas frei geworden – sondern auch, weil mir diese Einzelstundensache immer besser gefiel. Würde meine Tochter nicht unter sechs Augen am meisten lernen? Würde sie. Und wollte sie. Schließlich hat sie nie gesagt: „Ich will ein bisschen mit einem Pony kuscheln.“ Sondern: „Mama, ich will reiten lernen. So richtig.“ Und sobald sie Übung hat, werden die Gruppen ohnehin größer, berichtete mir die Reitlehrerein nach erneuter Nachfrage. Das heißt dann „Reiten in der Abteilung“. Aber damit beschäftige ich mich, wenn es soweit ist. Nun heißt es erst einmal: Das richtige Reit-Outfit finden!

 

0 Comments

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

©2019 RideYourPony.de – Made with ❤ in Hanover – oleast™ consulting

Log in with your credentials

Forgot your details?