Neulich bei uns im Wohnzimmer. „MAAMMAAAA, AAACHTUUUNG! Du stehst im Weg!!“ Erschreckt drehe ich mich um und sehe: nichts. „Wem bitte stehe ich im Weg?“ „Na, meinen Pferden!“ Erneut blicke ich mich um. Und sehe wieder nichts. „Ich habe zwei Pferde“, erklärt mir meine Fünfjährige. „Penny und Dixi. Die wohnen jetzt hier. Der Stall ist da vorne neben dem Sofa, deshalb musst Du mal bitte Platz machen.“ Später finde ich Möhren und Äpfel neben dem Sofa. Überhaupt sind die beiden imaginären Vierbeiner gut in unseren Alltag integriert: Morgens werden sie aus dem Stall gelassen, nachmittags geritten und gestriegelt, abends geht es zurück in den Stall. Anfangs wunderte ich mich noch, wenn meine Tochter mit erhobenen Händen durchs Haus lief, mittlerweile weiß ich: Diese Geste bedeutet, dass sie ihre beiden Pferde gerade hinter sich her führt.

Imaginäre Freunde sind in unserem Haushalt nichts Neues. Meine fast vierjährige Zweitgeborene hat seit rund einem Jahr eine kleine Schwester namens Lina. Lina ist 89 Jahre alt und erlebt allerhand verrückte Sachen: Sie kann Flugzeuge fliegen, hat ein Nilpferd als Haustier und isst zum Frühstück ausschließlich Süßigkeiten. Lina kann perfekt tanzen und singen (sie hat schon bei „Starlight Express“ mitgemacht), reiten (sie hat unzählige Turniere gewonnen), schwimmen (von Sylt nach Amerika und zurück – an einem Tag) und hat schon eine schwere Grippe mit 86 Grad Fieber überstanden.

Kein Grund zur Sorge – oder?

Als nun meine Große damit anfing, mit Hingabe unsichtbare Pferde zu streicheln, zu reiten und zu verpflegen, befragte ich das Internet, ob dieses Verhalten mir zu denken geben sollte. Muss es nicht. Vor etwa 40 Jahren sah die Sache anders aus: Damals galten imaginäre Freunde als Vorbote psychischer Störungen. Mittlerweile sagen Psychologen, dass sie die Kreativität, soziale Kompetenz und Kommunikationsfähigkeit der Kinder fördern und ihnen „in Übergangssituationen“ helfen. Daher nennt man sie auch „Übergangsobjekte“. Nun, Tochter Nummer 1 befindet sich ja tatsächlich in einer Übergangsphase: zwischen ihrer Erkenntnis, reiten lernen zu wollen und dem tatsächlichen Start ihres Reitunterrichts 🙂

Haben Pferde auch imaginäre Freunde?

Ist dieser Trick der Psyche eigentlich Menschen vorbehalten oder haben Tiere auch imaginäre Freunde? Wieder befrage ich das Internet, finde aber keine passenden Artikel. Die Suchbegriff-Kombi „Pferd / imaginäre Freunde“ führt, egal in welcher Konstellation ich sie eingebe, stets zu Studien über Kinder und ihre imaginären (Pferde)Freunde.

Vor ein paar Tagen beim Spazierengehen dachte ich, ich sei dem Geheimnis auf die Spur gekommen: Wir beobachteten ein Pferd, dass wie von der Tarantel gestochen über die Weide rannte und hüpfte. Es sah wirklich aus, als hätte es Spaß. Zwischendurch hielt es immer wieder an, als warte es auf irgendetwas (oder jemanden?) und flitzte dann wieder los. Für meine Tochter war die Sache klar.

Sie: „Das Pferd spielt mit seiner Freundin fangen.“

Ich: „Aber es ist alleine auf der Weide…“

Sie: „Es spielt ja auch mit meiner Stute Penny. Die kannst Du Zuhause ja auch nicht sehen.“

Aha…

Fast alle Reiter, die ich zu dem Thema befrage, berichten mir von diesem „besonderen Blick“, den ihr Pferd aufsetzt, wenn es etwas zu sehen scheint, das gar nicht da ist – oder das nur wir Menschen nicht sehen? Vielleicht sehen, hören, spüren sie ja etwas, was uns Zweibeinern schlicht verborgen bleibt. Eine erneute Internetrecherche untermauert diesen Gedanken: Pferde sind offenbar gar nicht in der Lage, sich etwas vorzustellen, also Fantasie zu entwickeln. Laut dem Verhaltensforscher Dr. Andrew McLean sind sie uns Menschen nämlich kognitiv massiv unterlegen. Sie können sich zwar erinnern und aus ihrer Erfahrung heraus auf gegenwärtige Situationen mit dem Ziel reagieren, ihr Überleben zu sichern und ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Sie können aber nicht strategisch denken oder etwas planen. Somit ist es unwahrscheinlich, dass sie in der Lage sind, sich einen Gefährten auszudenken.

Muss ich jetzt auch unsichtbare Pferde streicheln?

Wie aber soll ich mit den „Pferden“ meiner Großen und mit Lina umgehen? Der Ratschlag von Kinder- und Entwicklungspsychologen stimmt mit meinem Bauchgefühl überein: akzeptieren statt ignorieren, idealerweise sogar mitspielen. Glücklicherweise wird mir ohnehin stets die Rolle von Heike Thorsteeg (so heißt die Mutter von Wendy vom Gestüt Rosenborg*) oder von Susanne Martin (die Mutter von Tina aus Bibi und Tina) zugewiesen. Das passt: Mutter kann ich. Ab und an bin ich allerdings auch die Oma. Auch diese Rolle spiele ich perfekt, wenn auch ungewollt: Manchmal vergesse ich, auf die Ansprache „Oma“ zu reagieren, was mir meine Töchter aber nicht übel nehmen. Denn: „Omas sind ja meistens so 150 Jahre alt, hören schlecht und sind ja auch manchmal schon ein bisschen durcheinander.“

 

*Wendy ist wahrscheinlich jedem ein Begriff, der schon mal das Wort „Pferd“ gehört hat: Teenager, ihre Eltern besitzen ein Gestüt, sie mag Pferde und weiß wirklich iiiiiiiiiimmer, was zu tun ist, wenn ein Pferd mal quer schlägt.

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