Huf auskratzen Kind

Neulich bekam ich Wind von einem Reitlehrgang für Kinder, der etwa 15 Auto-Minuten von unserem Wohnort entfernt stattfinden sollte. Ich fragte mich: Ist ein einwöchiger „Lehrgang“ (ganz egal in welcher Sportart) für eine fünfjährige Anfängerin nicht übers Ziel hinausgeschossen? Im Grunde handelte es sich jedoch nur um fünf Reitstunden verteilt auf fünf Tage. Kosten: 50 Euro. Ich meldete meine Tochter an. Weil ich mir dachte: Nach so einer Intensiv-Woche wird sie wissen, ob Reiten wirklich etwas für sie ist. Und falls nicht, könnten wir den heißbegehrten Reitunterrichtsplatz wieder frei machen.

Tag 1:

Wir fahren zum Reiterhof und ich betrachte im Rückspiegel grinsend meine Tochter, wie sie aufgeregt in ihrer kleinen Reithose und den Reitstiefelchen mit dem Fahrradhelm auf dem Schoß im Autositz thront. Über eine abenteuerliche Huckelpiste erreichen wir den idyllisch am Waldrand gelegenen Reiterhof und finden zwischen zwei Geländewagen einen Parkplatz. Klischee schon mal erfüllt. Da ich mit den Töchtern zwei und drei während der Reitstunde einkaufen gehen wollte, sollten sie kurz im Auto warten, bis ich Nummer eins bei der Reitlehrerin abgegeben habe. Soweit zur Theorie.

Am Stalleingang direkt vor unserem Parkplatz sehen wir zwei Mütter mit ihren Töchtern, die auch am Lehrgang teilnehmen wollten. Nur von der Trainerin ist nichts zu sehen. Zehn Minuten vergehen und meine Töchter Nummer zwei und drei werden ungeduldig. Ich hole sie aus dem Auto und wir warten weitere zehn Minuten. Wir drei Mütter vergewissern uns nochmal, dass wir alle die gleiche Zeitangabe bekommen haben, eine versucht vergeblich, die Reitlehrerein telefonisch zu erreichen, die andere spricht einige auf dem Hof umherlaufende Reiter an – keiner weiß etwas von einem Lehrgang. Weitere zehn Minuten vergehen. Engelchen und Teufelchen erscheinen auf meinen Schultern. „Aha, so läuft das also bei den Reitern“, flüstert das Teufelchen, „die Wartelisten sind lang, da müssen sie sich nicht um den Reitnachwuchs kümmern. Lass uns wieder fahren!“ „Immer mit der Ruhe“, antwortet das Engelchen, „Du wirst doch nicht gleich bei Deinem ersten echten Kontakt mit der Reitwelt zickig werden.“ Das Engelchen und meine Große betteln mich an, noch „einen klitzeklitzklitzekleinen Moment“ zu warten. Also warten wir.

Das Engelchen freut sich, das Teufelchen schnaubt vor Wut

Weitere zehn Minuten vergehen und tatsächlich: Wie aus dem Nichts steht auf einmal eine junge Frau vor uns. Sie spricht nicht, gibt aber offenbar geheime Zeichen. Denn ohne dass ich es bemerkt habe (ich habe meiner Jüngsten just die Nase geputzt), hat sie sich mit den beiden anderen Mädchen auf den Weg zu einer der Pferdeboxen gemacht. Tochter Nummer eins steht verwirrt neben mir; sie hatte das geheime Zeichen nicht verstanden und sich nicht getraut, einfach mitzulaufen. Ich wollte nun weder quer durch den Stall brüllen noch mich mit drei kleinen Kindern durch eine mit Pferden vollgestellte Stallgasse schlängeln. Also warteten wir wieder. Irgendwann kommen die drei samt gesatteltem Pony wieder zum Vorschein und marschieren an uns vorbei. Ich hatte wirklich keine Umarmung zur Begrüßung erwartet, aber ein kurzes „Hallo, ich heiße xy, bitte folgt mir“ wäre eine nette Geste gewesen. Das Teufelchen will gerade etwas unbedachtes sagen, als ich es von der Schulter stupse, die Reitlehrerin aufhalte, nach ihrem Namen frage, ihr den meiner Tochter nenne und erfrage, wann wir wieder da sein sollen. „In anderthalb Stunden.“ Das Engelchen freut sich: „Siehste: Sie kann doch sprechen!“

Tag 2 bis 4:

Es ist erstaunlich, welch großen Einfluss 90 Minuten auf die übrigen 1350 eines Tages haben können. Meine Tochter war der glücklichste Mensch der Welt, sie freute sich den ganzen Vormittag auf die mittägliche Reitstunde, die meist fast pünktlich begann, und nach diesen anderthalb Stunden schwärmte sie von ihren Erlebnissen. (Daher bekam das Teufelchen vorläufig Reiterhof-Verbot.). Wobei es etwas hoch gegriffen ist, von einer ReitSTUNDE zu sprechen: Jedes der drei Mädchen saß 20 Minuten auf dem Pferd, die restlichen 40 Minuten schauten sie den anderen beiden zu, wie sie im Kreis ritten. Der Begeisterung meiner Tochter tat das Warten keinen Abbruch.

Tag 5:

Das Engelchen war wie besoffen vor Glück, das Teufelchen schmollte, als wir drei meiner Tochter bei ihren letzten 20 Reit-Minuten erstmals zuschauten. Denn: Sie schien tatsächlich etwas gelernt zu haben, zumindest hatte ich keine Angst, dass sie gleich vom Pferd rutschen würde. Sie war unhemlich stolz und setzte die Anordnungen der Trainerin (Schnalzen, Beine zusammendrücken, noch irgendwas mit den Füßen machen, hoch und runter beim Trab, Pferd loben und auf den Hals klopfen) unermüdlich um und erklärte mir später, dass man immer „wie eine Prinzessin“ auf dem Pferd sitzen müsse. Fand ich ziemlich clever, diesen Vergleich. Schließlich steht bei neun von zehn Mädchen „Prinzessin“ ganz oben auf der Berufswunsch-Liste.

Fazit:

Die Reitwoche war ein voller Erfolg (einziger Wehrmutstropfen waren die Entzugserscheinungen beim Kind im Anschluss). Neben dem Reiten gehörten auch Putzen und Hufe auskratzen zum Programm. Beides begeisterte die Kinder ebenso wie das Reiten, obwohl das Pony „so schwere Füße hatte“.

Das erinnert mich an einen Spaziergang vor etwa drei Jahren: Als wir an einer Pferdewiese vorbeikamen, fragte mich meine damals zweijährige Erstgeborene, was die Pferde da „für komische Klötze an den Füßen“ haben. Heute weiß sie nicht nur, dass die Klötze Hufe heißen, sondern auch, wie man sie sauber macht!

 

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