Ride Your Pony

Als im Dezember vor zweieinhalb Jahren – genau fünf Tage vor Heiligabend – meine damalige Stute morgens Bauchweh bekam, ahnte noch keiner von uns, dass ich sie fast auf die Minute genau 24 Stunden später ein letztes Mal am Halfter halten würde, während der Tierarzt ihr die tödlichen Injektionen verabreichte. Wer schon einmal ein Pferd eingeschläfert hat, der weiß auch, dass eine Spritze nicht reicht. Und dann stand ich da bei meinem Pferd, das mich mit ruhigem Auge vertrauensvoll anblickte, und erzählte ihr nochmal alles, was man halt so sagt beim Abschied, bis die letzte Spritze verabreicht ist und so ein großes Tier umfällt wie ein Baum. Das Wetter war auch nicht gerade tröstlich: Es wollte nicht hell werden, Sturm, Regen, Schnee, Blitz und Donner… Kurz gesagt: Drama in Vollendung!

Nie wieder ein eigenes Pferd! Oder doch?

Ich habe schon viele Pferde sterben sehen, das bleibt bei meinem Beruf (ich bin Pferdewirtin) nicht aus. Aber dieses Mal traf es mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel, da Gina nie zuvor krank war. Ich hatte sie mir damals selbst geschenkt, nachdem unser Sohn aus dem gröbsten raus war. Mein Pferdchen zum lieb haben, betüddeln und natürlich auch zum reiten.

Nie wieder ein Pferd! Das hatte ich mir geschworen. Und dann kam es doch ganz anders. Nachdem der erste Schock überwunden und fast ein Jahr vergangen war, stand für mich fest: Ein neues Pferd muss her! So ganz ohne ging es eben doch nicht. Da ich eine reine Freizeitreiterin bin, suchte ich ein nettes, umgängliches Pferd, das aber durchaus eine eigene Persönlichkeit haben sollte. Eben nicht so ein ewiger Ja-Sager. Und gerne mit viel Blut. Und dann ging es los: Hier ein Pferd angesehen, dort ein Pferd angesehen. Alle ganz nett, aber irgendwie war „mein“ Pferd nicht dabei. Mein Mann und meine Freundin, die mich immer begleiteten, waren schon am Verzweifeln. Aber warum sollte ich mir ein Pferd kaufen, wenn ich vor ihm stehe und der Funke nicht überspringt?

Ein Blick und es war um mich geschehen

Eines Tages stand wieder ein Besichtigungstermin an. Dieses Mal hatte ich irgendwie ein gutes Gefühl. Das könnte klappen! Auf dem Weg dorthin wollte ich noch schnell ein anderes Ross ansehen, wozu ich eigentlich gar keine große Lust hatte. Ich wollte es mir aber auch nicht mit meiner Freundin verscherzen, denn sie hat mir den Tipp gegeben. Eine Vollblutstute sollte da stehen. Die Fotos allerdings waren grottenschlecht. Auf der Reitanlage stand dann ein kleines braunes Pferdchen unter einer großen Decke ganz alleine auf einem viel zu kleinen Paddock. Die Verkäufer kamen zu spät, das „Pony“ war verdreckt und zottelig. Super! Diesen Besuch hätten wir uns wohl sparen können. Nachdem wir die Stute in die Stallgasse gebracht und ausgedeckt hatten, traf es mich jedoch wie der Schlag! Ein Blick in ihr Gesicht genügte: Ich hatte in „Aschenputtel“ mein Pferd gefunden. Es fehlten wohl an die zwei bis drei Zentner Fleisch an der Stute, und mit ihren langen struppigen Haaren sah sie auch nicht besonders attraktiv aus, aber: Diese Augen! Wunderschöne große Augen, die eine innere Ruhe ausstrahlten. Wie wir erfuhren, wurde sie im Herbst zuvor auf der Rennbahn aussortiert (wir hatten gerade Februar) und war sechs Jahre alt. Sie war zwei- bis fünfjährig Flachrennen gelaufen. Ein Blick in ihren Pass bestätigte meine Ahnung: Das Papier zeigte, dass „mein“ Pferd von bester Abstammung war und Fleuri aus einem der vornehmsten Gestüte Englands stammte. Dass sie einmal so aussehen würde, hätte sie wohl in ihren kühnsten Träumen nicht erwartet. Aber so ist das leider in der Reitwelt: Wenn ein Pferd die großen Erwartungen der Besitzer nicht erfüllt, landet es schnell auf dem Abstellgleis.

Liebe auf den zweiten Blick 🙂

Mein Mann war sichtlich geschockt, als ich erklärte, dass ich die Stute kaufen werde. So einen abgemagerten Zottel?! Der andere Termin wurde abgesagt und eine Woche später holte ich meine Fleuri nach Hause. Sie lebt jetzt seit anderthalb Jahren bei mir und hat sich vom häßlichen Entlein zum Schwan entwickelt. Ich habe den Spontankauf nie bereut, und bin froh, so lange auf mein Pferd gewartet zu haben.

 

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