Hallo zusammen!

Neulich haben Dörte, Caro und ich uns zum Frühstück getroffen. Wer uns zugehört hätte, wäre nicht auf Anhieb darauf gekommen, ob wir über unsere Kinder oder über unsere Pferde gesprochen haben. Tatsächlich denke ich während Gesprächen mit Reitern oft: Würden zwischendurch nicht Worte wie Halfter, Sattel oder Heu fallen, könnte man annehmen, sie würden über ihre Kinder sprechen. Offenbar unterscheidet sich die Erziehung eines Pferdes gar nicht so sehr von der eines Kindes: Konsequenz und nachhaltiges, nachvollziehbares Verhalten sind wichtig – Pferd und Kind müssen sich auf ihre Erziehungsberechtigen verlassen können. Beide wollen außerdem Spielen, aber auch gefordert werden, etwas lernen, aber auch mal ihre Ruhe haben. Und wie Mütter machen sich auch Reiter unheimlich viele Gedanken um ihre Schützlinge. In den Köpfen von Müttern gehen Sachen vor, wie:

  • Als sich mein Kind heut im Supermarkt auf den Boden geschmissen hat: War ich da zu streng oder nicht streng genug? (Und: Wohin gehe ich in den nächsten vier Wochen einkaufen, bis der Vorfall in meinem Stamm-Supermarkt vergessen ist?)
  • Früher sind die Seefahrer häufig an Skorbut erkrankt – hat mein Kind heute eigentlich genug Obst oder Gemüse gegessen?
  • Die kleine Zicke von nebenan kneift mein Kind immer. Was tun? Die Zicken-Mutter ansprechen? Ich will ja nicht, dass mein Kind zurückpöbelt. Oder doch?
  • In der Schule kommt mein Kind in Mathe nicht klar. Liegt bestimmt am Lehrer. Bestimmt. Mein Kind ist schlau, ist ja schließlich meins. Wie kann ich den Lehrer loswerden?
  • Mein Kind ist seit Wochen anstrengend. Liegt bestimmt am Mond. Oder am Wetter. Oder an zu wenig Obst und Gemüse. Oder am Mathe-Lehrer. Auf keinen Fall aber liegt es an meinem Kind. Ist ja meins, also ist es perfekt.

Na klar habe ich übertrieben, aber es ist tatsächlich so: Wir Mütter denken viel nach über unseren Nachwuchs und darüber, ob wir alles richtig machen und richtig reagieren. Das Problem dabei ist: Wir finden unsere Kinder meistens super. Sind ja unsere. Daher sehen wir ungern Fehler oder Macken, die wir korrigieren müssten (wäre ja auch anstrengend für uns). Reitern geht es ähnlich. Laut Caro denken sie Dinge wie:

  • Mein Pferd ist ganz einfach zu handeln. Super lieb. Nur Halfter über die Ohren, das mag er nicht so. Ja, und beim Hufeauskratzen steht er nicht still. Aber sooo lieb. Da kannst Du jedes Kind ranlassen. Und ausreiten macht Spaß mit dem. Träumchen! Darf nur nicht die Sonne scheinen. Hat Angst vor Schatten. Aber sonst: Soooo brav, mein Pferd.
  • Mein Pferd ist ganz springtalentiert mit einer unglaublich guten Abstammung. Dass der hier jetzt so bockt und steigt vor einer auf dem Boden liegenden Stange macht er häufig. Das ist, weil er so intelligent ist. Man muss sich halt jeden Sprung mit ihm erarbeiten aber dann: Ganz toll!
  • Ich bin Dressurreiterin auf hohem Niveau. Je anspruchsvoller es in der Dressur wird, desto schlechter der Schritt des Pferdes. Das weiß doch jeder. Dass ich von den Richtern trotzdem eine schlechte Note für den Schritt bekommen, ist Mobbing, finde ich. Die sind eifersüchtig, weil ich so ein gutes Pferd habe und sie nicht.

Pferde und Kinder suchen und brauchen Führung
Auf der Suche nach einer professionellen Meinung zu der Frage, wie ähnlich sich Kinder- und Pferdeerziehung sind, habe ich in der Schweiz Liz Heer und ihre Kollegin Verena Albertin gefunden. Albertin ist Lehrerin, Parentship-Coach und Familien-/Erziehungsberaterin „Aus Erziehung wird Beziehung“ nach Jesper Juul, Heer Gründerin und Leiterin der HETS-Schule sowie Horsemanship- und Parentship-Trainerin. Sie sagt: „Mir gefällt der Begriff ,Erziehung’ nicht – ich bevorzuge ,Entwicklung’. Die Person, die ein Kind oder ein Pferd entwickelt, muss eine Leader-Funktion einnehmen und dafür zu allererst selbst zum Leader, also zur Führungspersönlichkeit, werden. Denn Pferde wie auch Kinder suchen und brauchen Führung. Erhalten sie diese nicht altersentsprechend, übernehmen sie selbst die Führung.“ Klingt logisch, denke ich, vor allem, wenn Heer die Konsequenzen aufzeigt: „Bei Pferden kann es für Menschen gefährlich werden, wenn letztere die Führung nicht übernehmen. Kinder, denen die Führung überlassen wird, geraten in eine Überverantwortlichkeit, der sie nicht gewachsen sind. Sie nehmen die Schuld für die missliche Lage daheim auf sich, obwohl sie diese gar nicht zu verantworten haben.“

Aber was genau kennzeichnet einen Leader? „Ein Leader sollte einen klaren Fokus haben und diesen nicht aus den Augen lassen. Er oder sie sollte positiv, progressiv und natürlich entscheiden und handeln sowie idealerweise mental, emotional und physisch fit sein“, erläutert Liz Heer. Dies gilt für Reiter wie für Eltern gleichermaßen: Pferde wie Kinder brauchen einen Chef im Stall oder im Haus – was nicht heißen soll, dass die Leader permanent autoritär oder kasernenmäßig streng agieren müssen. Im Gegenteil: Zuneigung soll gezeigt und gelebt werden (sie ist ja auch in der Regel der Grund, warum Menschen Kinder bekommen oder sich ein Pferd zulegen…)

Die Ansprüche von Eltern und Reitern an sich selbst sind groß
Aber genau diese Zuneigung und die vielen Meinungen der vielen Menschen, die man kennt oder von denen man mehr oder weniger schlaue Bücher gelesen hat, sind möglicherweise der Grund, warum Erziehungsberechtigte unsicher sind, wie sie mit ihren Schützlingen umgehen sollen – egal, ob sie zwei oder vier Beine haben. Die Ansprüche von Eltern und Reitern an sich selbst sind groß – und können vielleicht genau deshalb nur schwerlich erfüllt werden. „Ich bin überzeugt, dass grundsätzliche Bausteine wie Vertrauen, Respekt oder Feinfühligkeit zu Beginn einer jeden Beziehung – ob von den Eltern zu ihrem Kind oder von Reitern zu ihrem Pferd – vorhanden sind“, sagt Liz Heer. Diese Bausteine sind allerdings sehr zerbrechlich und können durch Handlungen, die bedingt sind durch falsche Einstellungen, fehlendes Wissen und ein zu großes Ego, zerstört oder zumindest so stark beschädigt werden, dass die Reparatur schwierig wird. Und genau hier kommen Profis wie Liz Heer ins Spiel. „Ziel muss es immer sein, eine Beziehung zu führen, in der sich alle Individuen wohlfühlen und sich entwickeln können“, sagt sie. Und wer bisher aufmerksam gelesen hat, dem ist klar: Die Verantwortung dafür, ob eine solche Atmosphäre in einer Beziehung gelingt, liegt beim Leader, also beim Reiter oder bei den Eltern Aber: Wie kann man eine solche Beziehung erreichen? Die Ratschläge hierzu sind ebenso individuell, wie jedes Kind und jedes Pferd, wie jeder Reiter und jedes Elternteil. Grundsätzlich aber hat Heer folgende Ratschläge: Beide Gruppen sollten es sich zum Ziel setzen:

  • ihren Schützling dort zu sehen und zu fördern, wo er oder sie im Moment steht (Führungsqualitäten).
  • bewusst Entscheidungen zu treffen (Entscheidungskompetenz)
  • die Verantwortungfür die Qualität der Beziehung zu ihrem Schützling zu übernehmen (Beziehungskompetenz).

Mein Fazit
Tja, alles sehr theoretisch, aber dennoch äußerst nachvollziehbar. Auf jeden Fall aber hat sich mein Eindruck bestätigt, dass Kinder- und Pferdeerziehung sich in mancher Hinsicht ähnelt (aber natürlich auch ihre Grenzen und Unterschiede hat – schließlich haben Tiere und kleine Menschen unterschiedliche Bedürfnisse und Voraussetzungen). Ich glaube,…

  • dass es wichtig ist, informiert zu sein, aber dennoch auf sein Bauchgefühl zu hören.
  • dass es wichtig ist, sein Kind oder sein Pferd zu kennen, aber nicht zu versuchen, seine Persönlichkeit zu ändern.
  • dass man sich überlegt, was einem selbst wichtig ist und diese Grundsätze auch durchsetzt, ohne dabei zu einem Feldwebel zu werden.

Und: Fehler sind erlaubt – solange wir aus ihnen lernen. Das macht doch Mut, oder?

So long!

Stine

 

Informationen über die gemeinsamen Parentship-Seminare von Liz Heer und Verena Albertin gibt es unter www.parentship.ch

 

Liz Heer auf ihrem Ice Tea

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