Ride Your Pony

Wir freuen uns, jemanden ganz besonderes für unsere Rubrik „Pro Pferd“ gefunden zu haben: Julie von Bismarck! Auf sie aufmerksam geworden sind wir durch ihr Buch „Reitsport auf dem Rücken des Pferdes“. Die Reiterei und die Liebe zu Pferden begleiten sie schon ihr Leben lang. Denn ihr besonderes Gespür für Pferde und vieles von dem, was sie über Pferde weiß und an andere weitergibt, hat sie von ihrer Großmutter gelernt. Während ihrer über zwanzigjährigen Tätigkeit als Pferdeosteopathin und Akupunkteurin hat sie die Zusammenhänge zwischen Fehlern in der Haltung, schlechter Reiterei, Anwendung von Zwangsmitteln und den Erkrankungen des Pferdes täglich gesehen. Wie sie sagt, hatte sie zunehmende das Gefühl, „für die falsche Seite zu arbeiten“, da sie die Pferde zwar wiederherstellen konnte, aber nicht die Ursachen abstellen, die überhaupt erst zu den Erkrankungen geführt hatten. Um daran etwas zu ändern, arbeitet sie daher als Dozentin und Beraterin, vermittelt Wissen und klärt auf. Auch Du kannst sie als Beraterin buchen. Das Angebot ist vielfältig: von Trainingseinheiten für Dich und Dein Pferd über die Behandlung von ungelösten Pferdeerkrankungen bis hin zu Lehrveranstaltungen und Vorträgen. „Häufig werde ich von Reitern eingeladen, die sich mit mehreren zusammengetan haben und mich einladen, um für einige Stunden oder auch Tage bei ihnen vor Ort zu beraten, zu unterrichten, Diagnosen zu stellen, gegebenenfalls zu behandeln und für alle Fragen rund um die Pferde und den Reitsport da zu sein“, erzählt sie.

Ride Your Pony

Julie von Bismarck arbeitet heute als Beraterin und Dozentin

Das Wohl der Pferde liegt Julie von Bismarck am Herzen, das spürt jeder deutlich, der sich mit ihr unterhält.  Durch ihre Arbeit setzt sie sich unermüdlich für einen Wandel im Reitsport im Sinne von „Pro Pferd“ ein. Daher freuen wir uns, dass sie sich die Zeit genommen hat, uns für RIDE YOUR PONY einige Fragen zu beantworten.

Ride Your Pony: Was ist Ihre ganz persönliche Definition von „Pro Pferd“?

Julie von Bismarck: „Pro Pferd“ bedeutet für mich, über das notwendige Wissen und Können zu verfügen, um ein Pferd so zu halten, mit ihm umzugehen und es zu trainieren, dass es gesund bleibt und sich wohl fühlt. Es bedeutet, die bestmöglichen Voraussetzungen für das Wohl des Pferdes zu schaffen, unabhängig von dem dafür definitiv notwendigen finanziellen Aufwand und den damit immer einhergehenden hohen Anforderungen an die eigene Ausbildung und reiterlichen Fähigkeiten. Es bedeutet, sich der Verantwortung vollumfänglich bewusst zu sein, die man als Reiter/Pferdebesitzer für das Pferd trägt. Dazu gehört natürlich die bestmögliche, auch medizinische Versorgung des Pferdes, aber ganz klar genauso die Gewährleistung der eigenen körperlichen und mentalen Eignung – also körperliche Fitness und Selbstbeherrschung des Reiters. Es bedeutet, das Wohl des Pferdes IMMER an die erste Stelle zu stellen, auch wenn man dafür die eigenen Ambitionen und Wünsche hintan stellen muss.

Ride Your Pony: Fehler kann man nie 100%ig vermeiden. Sie gehören zum Leben und Lernen dazu. Dies gilt bezogen auf die Reiterszene genauso für den Profisport wie auch für die Freizeitreiterei. Als Freizeitreiter interessiert uns, was Ihrer Meinung nach die häufigsten Fehler im Umgang mit den Pferden im Freizeitbereich sind?

Julie von Bismarck: Was am vordringlichsten auffällt, ist ein Mangel an Wissen über die korrekte Ausbildung von Reiter und Pferd. In der Folge fügen viele Reiter ihren Pferden Schaden zu, obwohl sie eigentlich nur das Beste für ihr Pferd wollen. Sie haben nicht nach den Profis gefragt, aber nur kurz: Dort ist das Wissen meist vorhanden und dem Pferd wird trotzdem -und somit wissentlich- Schaden zugefügt oder dies zumindest wissentlich in Kauf genommen. Das würden die meisten Freizeitreiter nicht tun, wenn sie es besser wüssten! Viele sogenannte „Freizeitreiter“ kaufen sich ein Pferd, weil sie glauben, es sei ein Haustier, mit dem sie nach der Arbeit herum tüddeln und „auf ihm reiten“ können. Viele holen wohl auch einfach den Kindheits-Traum vom eigenen Pferd nach. Leider ist das Pferd aber keine Katze und häufig scheitert es dann schon an der richtigen Haltung und dem fachgerechten Umgang. Der Mangel an Wissen und Ausbildung bei den Pferdebesitzern führt dazu, dass viele von ihnen bereits in ganz alltäglichen Situationen mit ihrem Pferd überfordert sind. Gründliche Gymnastizierung und Kräftigung des Pferdes nach der klassischen Reitlehre entfällt oft gänzlich, ebenso wie die gründliche Ausbildung des Reiters. So sieht man leider häufig Menschen auf Pferden mit hochgerissenen Köpfen und weggedrückten Rücken „trainieren“ – was natürlich erhebliche negative Folgen für die Pferde hat. Gleichzeitig herrscht der Irrglaube, nur weil man mit Halsring statt Trense reite, sei man „Pro Pferd“ und tue seinem Pferd etwas Gutes. Das ist nicht der Fall, wenn die nötige Ausbildung bei Reiter und Pferd fehlt. Im Freizeitbereich gibt es außerdem mehr Menschen als bei den „Profis“, die für ihre Pferde eigentlich zu schwer sind. Auch eine generelle Unsportlichkeit oder mangelhafte mentale Eignung (letztere bei den „Profis“ genauso verbreitet!) sind hier häufige Ursachen für Schäden, die dem Pferd zugefügt werden. In den Rücken plumpsen oder das Auslassen des eigenen Frustes am Pferd, hat gleichermaßen negative Folgen für das Pferdewohl.

Kurzum: Im Freizeitbereich fehlt es oft an wichtigem Wissen und reiterlichem Können sowie der gründlichen gymnastizierenden Ausbildung des Pferdes. In der Folge fügen Reiter ihren Pferden Schaden zu, die eigentlich genau das Gegenteil erreichen möchten.

Ride Your Pony: Was empfehlen Sie Reitern, die vielleicht noch unwissend und unsicher sind, jedoch die Bereitschaft haben, dies zu ändern?

Julie von Bismarck: Sich einen GUTEN Trainer zu suchen und alles über Pferde zu lesen, was sie an Fachliteratur finden können. Ein guter Trainer ist das aller wichtigste und zwar unabhängig davon, was man mit seinem Pferd erreichen möchte und auf welchem Niveau man reitet. Außerdem würde ich empfehlen, viel Zeit mit dem Pferd zu verbringen – abseits von Training oder Reiten. Also Spaziergänge zu unternehmen, schwimmen zu gehen, so etwas. Und es hilft definitiv, Pferde stundenlang zu beobachten: auf der Weide, im Stall, unter dem Sattel – je länger desto besser. Je mehr Gefühl Sie für das Wesen des Pferdes bekommen und je mehr Sie darüber wissen, desto sicherer werden Sie. Und, ganz wichtig: Wenn man trotz all dieser Maßnahmen immer mit einem mulmigen Gefühl beim Pferd oder Reiten ist oder sogar richtige Angst hat, sollte man sich das unbedingt eingestehen und ein anderes „Hobby“ wählen. Pferde reagieren SEHR empfindlich auf Anzeichen von Unsicherheit oder Angst in anderen Lebewesen und es kann sehr schnell sehr gefährlich werden, wenn man glaubt, man könne das „überspielen“. Menschen, die eigentlich Angst vor Pferden haben, kompensieren das dann oft durch scharfe Zäumungen, Knotenhalfter, Schlaufzügel und andere Hilfsmittel, wodurch den Pferden noch mehr Schaden zugefügt wird. Das geht natürlich nicht. Reiten ist kein „Hobby“, es ist auch kein „Sport“, es ist eine Wissenschaft und eine Partnerschaft mit dem Pferd. Daher: Entweder das nötige Wissen und Können aneignen, oder wirklich lieber einen anderen Zeitvertreib wählen. Ich persönlich finde, das ist überhaupt keine Schande. Im Gegenteil, die meisten Unglücke im Freizeitbereich passieren durch die Unsicherheit der Reiter – es kann lebensrettend sein, sich einzugestehen, wenn man Angst hat.

Ride Your Pony: Wenn Sie die Reiterwelt in zehn Jahren nach Ihrer Idealvorstellung gestalten dürften, wie würde diese dann aussehen?

Julie von Bismarck: Es würden wieder strenge Regeln und Traditionen herrschen, welche unter anderem die körperliche und mentale Eignung festlegen, welche ein Mensch mitbringen muss, der Reiter werden möchte. Die Ausbildung eines Reiters würde mehrere Jahre dauern und das Reiten im Gelände sowie ohne Sattel und Trense beinhalten. Es gäbe wieder ganz klare Richtlinien für die gesunderhaltende Ausbildung und das gesunderhaltende Training eines Pferdes. Es gäbe nur noch ganz normale einfach und doppelt gebrochene Gebisse und normale Stallhalfter. Außerdem wäre das Verwenden scharfer Zäumungen, das Zuschnüren von Reithalftern, der Einsatz von Zwangsmitteln wie „LDR/Rollkur“, Schlaufzügeln und Zungenstreckern verboten. Die Anwendung würde als Verstoß gegen das Tierschutzgesetz geahndet und mit hohen Strafen belegt. Gleiches gälte für Pferdehaltung ohne ganztägigen Weidegang auf geeigneten Pferdeweiden (entsprechend magerer Bewuchs, geeignete Einfriedung) und jede Art von Gewalt gegen das Pferd. Es gäbe außerdem eine Art Traditions- und Ehrenkodex unter Reitern, der einen freundlichen und zurückhaltenden Umgang und Höflichkeit vorschreibt, und die Verpflichtung beinhaltet, das Wohl des Pferdes zu jeder Zeit an die erste Stelle zu stellen. Ich bin darüber hinaus der Meinung, dass es hilfreich wäre, zu einer gewissen Schlichtheit in der Ausrüstung von Reiter und Pferd zurückzukehren. Das heute für etliche Reiter im Vordergrund stehende „Bling Bling“ mit Strass und Markenlogos auf Stiefeln, Schabracken, Decken, Sporen, Kuscheltieren an Halftern etc. lenkt die Aufmerksamkeit völlig ab von dem, um was es eigentlich gehen sollte in der Reiterei: Die Harmonie zwischen Reiter und Pferd, das Können und das Teamwork. Seit ich in Afrika zur Schule gegangen bin, bin ich ein großer Freund von Schuluniformen. Es lenkt nichts von der Person ab und jeder ist erst einmal vergleichbar und: Es gibt der Sache einen gewissen Ernst. Früher ritt man ja in Uniform (bei der Kavallerie natürlich sowieso) und konzentrierte sich auf das Pferd. Ich wäre für beige Reithosen und braune Stiefel (Jodhpur- oder Reitstiefel, je nach Hose), Hemd oder Bluse oder Poloshirt für den Reiter/die Reiterin und weiße, beige oder farbige Schabracke, Gamaschen, Bandagen, Decken für das Pferd. Das darf gerne alles zusammenpassen und hübsch aussehen, aber ohne Markenlogos und Strass. Heute geht es viel zu viel darum, was der Reiter oder das Pferd trägt, als um die Leistung, die Expertise und vor allem: um das Pferd an sich. Das trägt meiner Meinung nach dazu bei, dass die Reiterei von vielen nicht mehr mit dem nötigen Ernst betrieben wird, was wiederum das Pferd zu einem „Spielzeug“ oder einem „Sportgerät“ degradiert, dem Pferd Schaden zufügt und somit im Wortsinne „auf dem Rücken des Pferdes“ ausgetragen wird. Das muss sich dringend ändern. Nicht der Reiter soll im Mittelpunkt stehen, schon gar nicht der Strass an Sporen, Stiefeln, Sattel und Trense, nicht das Markenlogo und auch nicht das Kuscheltier, das dem armen Tier im Gesicht herumbaumelt – sondern das Pferd. Seine Gesundheit, sein Wohl und seine Bedürfnisse.

Ride Your Pony

Julie von Bismarck mit ihrem Pferd

Hast Du jetzt Lust bekommen, mehr über Julie von Bismarck zu erfahren? Auf http://julievonbismarck.com/ kannst Du Dich über ihr Angebot informieren und Kontakt zu ihr aufnehmen. Am Ende unseres Gesprächs betonte sie noch: „Ich bin überzeugt, dass wenn sich die Reiter die Mühe machen, sich mit dem Pferd auseinanderzusetzen und alles über seine Besonderheiten und Bedürfnisse zu lernen, wenn alte Werte, Richtlinien und Traditionen wieder respektiert werden, der Reitsport wieder zu einem fairen Teamsport werden kann, bei dem das Wohl des Pferdes und das Pferd an sich im Mittelpunkt stehen.“ Wir finden, das klingt nach einem erstrebenswerten Ziel und unterstützen gerne dabei.

Ride Your Pony

„Reitsport auf dem Rücken des Pferdes“ von Julie von Bismarck

Bei „Pro Pferd“ stellen wir Dir regelmäßig interessante Persönlichkeiten vor, die sich den positiven Umgang mit dem Pferd auf die Fahne geschrieben haben. Um dieses tolle Ziel an möglichst viele Reiter und Pferdeinteressierte zu vermitteln, wollen wir hier jeden zu Wort kommen lassen, der etwas zu „Pro Pferd“ beitragen kann. Wenn Du einen Beitrag für uns hast oder jemanden kennst, der hier vorgestellt werden sollte: Melde Dich gerne bei uns! 🙂

Vielen Dank an Julie von Bismarck für ihre Zeit und die Offenheit.

Bis bald!

Euer RIDE YOUR PONY – Team

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