Ride Your Pony

Stell Dir vor, Dir steht eine Karriere als erfolgreiche/r Springreiter/in bevor. Du bist 16 Jahre alt und das Leben steht Dir offen. Hast Du das Bild vor Augen? Du, ein vor Kraft strotzendes Pferd und Lebensenergie, die endlos erscheint? Und dann hast Du einen tragischen Unfall, der Dich in den Rollstuhl zwingt. Was meinst Du: Wie viel Energie weiterzumachen würde Dir nach so einem tragischen Lebenseinschnitt bleiben? Wir haben mit jemandem gesprochen, dem genau das passiert ist – und der sein Leben nie aufgegeben hat. Heute ist er ein gefragter Pferde-Mediator, Experte für Motivation und Kommunikation sowie Buchautor. Zusammen mit seiner Frau und seinen Pferden lebt der 40jährige in Hessen. Die Rede ist von Timo Ameruoso.

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Timo Ameruoso, Pferdemediator aus Hessen

Nach unserem einstündigen Gespräch mit ihm waren wir bereits vollkommen energiegeladen und motiviert. Wir konnten ihm unterschiedlichste Fragen stellen und hatten einen Aha-Moment nach dem nächsten. Worüber wir gesprochen haben? Hier kannst Du das komplette Interview lesen.

RIDE YOUR PONY: Herr Ameruoso, mit welchen Fragen und Problemen kommen die Menschen zu Ihnen, die bei Ihnen Hilfe mit ihrem Pferd suchen?

Timo Ameruoso: Die Probleme und Fragestellungen sind ganz unterschiedlich. Das geht über Gesunderhaltung für ein Pferd, das beispielsweise in Rente ist, über Leistungsaufbau und -steigerung bei Sportpferden aller Klassen und Disziplinen. Zu meinen Kunden zählt das klassische Freizeitpferd genauso wie das Gangpferd. Zum Beispiel haben wir vor einem halben Jahr ein Gangpferd für die Deutsche Meisterschaft vorbereitet. Kurzum: Das Spektrum ist weit. Die Probleme reichen dabei von Beziehungsverbesserung über Verladetraining bis zum Kraftverlust zum Beispiel beim Springen. Ein weiteres Problem ist der Sattelzwang. Die Klassiker halt.

RIDE YOUR PONY: Was steht Mensch und Pferd in ihrer Beziehung zueinander am Häufigsten im Weg?

Timo Ameruoso: Das Hauptproblem ist: Die Natur hat Pferd und Mensch nicht füreinander vorgesehen. Bei Pferd und Mensch haben wir es mit zwei vollkommen unterschiedlichen Systemen zu tun. Das eine – also der Mensch – ist ein Raubtier. Und das andere ist ein Beutetier. Und wir Menschen machen eins immer wieder falsch: Wir beurteilen unsere Pferde durch unsere menschliche Brille. Das heißt, wir versuchen – auch wenn wir das oft gar nicht merken – das Pferd wie einen Menschen zu behandeln. Umgekehrt beurteilen Pferde uns wie Pferde, auch wenn sie erkennen, dass wir kein Pferd sind. Ein Pferd lebt in seinem eigenen System und kommt da nicht raus. Ebenso geht es dem Menschen. Deshalb prüft unser Pferd jedes Mal neu, ob wir in der Hierarchie über oder unter ihm stehen. Und Menschen verhalten sich dem Pferd gegenüber häufig so, dass sie sich dem Pferd unterordnen. Das beginnt schon bei Kleinigkeiten wie zum Beispiel bei der Kontaktaufnahme. Hierbei ist es sehr häufig so, dass das Pferd uns dominiert. Dieses Verhalten zeigt es zwar mit Absicht, muss es aber gar nicht böse meinen: Es gehört einfach zur Herdendynamik des Pferdes. Für die Kontaktaufnahme empfehle ich – egal ob das Pferd zu uns kommt oder wir hinlaufen –, dass das Pferd uns zuerst berühren sollte und nicht wir das Pferd. Sprich: Wir halten dem Pferd die Hand hin und das Pferd sollte uns anstupsen. Das ist zwar nur ein kleines, aber ganz entscheidendes Detail innerhalb der Beziehung zwischen Pferd und Mensch. Wir Menschen müssen uns immer wieder vor Augen führen, dass Pferd und Mensch in freier Wildbahn nicht zueinander finden würden. Das ist leider ein oft vernachlässigter Punkt.

RIDE YOUR PONY: Auf Sie aufmerksam geworden sind wir durch Ihr Buch „Zum Aufgeben ist es zu spät“. Darin beschreiben Sie, wie sich ihr Weg seit Ihrem Unfall gestaltet hat. Trotz Ihres Schicksals – oder vielleicht gerade deswegen? – haben Sie Ihren ganz eigenen Weg mit den Pferden gefunden. Wie haben Sie das geschafft?

Timo Ameruoso: Ein ganz wichtiger Anker sind natürlich meine Pferde. Ich sage das immer wieder: Meine Pferde sind das für mich, was für Samson der Bart und die Haare waren. Sie sind die Quelle meiner Kraft. Und der andere Punkt ist der, dass ich tief im Herzen immer gewusst habe, dass es irgendwann gut wird. Wobei da zugegebenermaßen oft mehr Hoffnung als Zuversicht war – die letzten 23 Jahre lang, jeden Tag. Trotzdem hat mich dieses Wissen, dass es eines Tages gut wird, durchhalten lassen, auch während der durchaus mal zähen Phasen.

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Timo Ameruoso mit seinem Pferd Paolo

RIDE YOUR PONY: Die Menschen, die zu Ihnen kommen, stehen häufig an einem Punkt mit ihrem Pferd, der sie zweifeln lässt, ob das noch der richtige Weg ist. Wie ermutigen Sie diese Menschen?

Timo Ameruoso: Ich kann keinem eine Erfolgsgarantie geben. Was ich weiß ist, dass die Lösungsstrategie, die ich für das jeweilige Pferd ausarbeite, funktioniert und zum Ziel führt. Wobei der Erfolg von vielen Faktoren abhängt. Zum einen ist es entscheidend, wie meine Empfehlungen umgesetzt werden. Zum anderen hängt die Zielerreichung davon ab, wie fleißig der Besitzer mitarbeitet. Was ich allen verspreche, ist, dass ich so lange an ihrer Seite bleibe, bis sie da sind, wo sie hin wollen. Und damit fällt neun von zehn Menschen eine ganz schwere Last von den Schultern, weil sie wissen, dass sie nicht alleine sind.

RIDE YOUR PONY: Das ist mehr, als die meisten Trainer und Coaches anbieten und leisten…

Timo Ameruoso: Das ist richtig. Natürlich arbeite ich auch nicht kostenfrei. Aber ich gehöre eben nicht zu denjenigen, die nach ein paar Monaten sagen, dass sie die Betreuung leider doch nicht schaffen. Wenn ich einmal zusage, bleibe ich dabei. Wenn wir etwas anfangen, ziehen wir es gemeinsam durch. Mit diesem Ansatz erreiche ich eine hohe Erfolgsquote, was auch daran liegt, dass meine Arbeit auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht. Meinen Kunden gebe ich mein Wort, dass ich so lange bei ihnen bleibe, wie sie es wollen und bis sie an ihrem Ziel sind. Wer von den Lesern sich selbst davon ein Bild machen möchte, kann unter anderem auf meiner facebook-Seite Kundenfeedbacks nachlesen.

RIDE YOUR PONY: Wie schaffen Sie es, sich da zu organisieren? Kommt es nicht zu Engpässen, wenn manche Kunden länger als gedacht bleiben?

Timo Ameruoso: Die Kundschaft ist in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz verteilt. Für diese Kunden bin ich mit der Fahrpraxis unterwegs und werde von meinem tollen Team unterstützt. Alleine könnte ich das alles inkl. Fahrten und Administration drum herum nicht bewältigen. So viel zu meiner Organisation. Uns ist es gerade in der Fahrpraxis wichtig, dass wir bei Trainings vor Ort die Pferde in deren gewohnter Umgebung sehen und kennenlernen. In der gewohnten Umgebung, zeigen diese das normale, alltägliche Verhalten und Gewohnheiten. Wenn man Pferde mit einer neuen Umgebung und neuen Umweltreizen konfrontiert, sind die Pferde permanent mit der Verarbeitung dieser neuen Umweltreize beschäftigt. So hat man in fremden Umgebungen meist keinen optimalen Blick auf die Hirnmechanik des Pferdes. Daher fahren wir die Kunden gerne an. Jedes Konzept, das ich erstelle, hat eine Lebensdauer von sechs bis acht Wochen. Spätestens nach acht Wochen müssen die Konzepte angepasst und überarbeitet werden, weil sich das Pferd ja verändert und entwickelt. Das wäre so, als würde man in der Schule, wenn man einmal das kleine 1×1 gelernt hat, immer beim 1×1 bleiben. Und trotzdem von den Kindern erwarten, dass sie irgendwann schwere Gleichungen lösen können. Deshalb müssen Konzepte immer weiterentwickelt werden, sonst haben wir beim Pferd keine Weiterentwicklung.

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Timo Ameruoso hilft den Pferden und besonders ihren Besitzern

RIDE YOUR PONY: Das leuchtet uns ein.

Timo Ameruoso: Darum ist es unglaublich, dass viele Trainer sich häufig einbilden, dass sie ein Pferd mit ihrer meist doch sehr übersichtlichen Methode vom Rohzustand zur hohen Schule bringen. Das geht nicht! Man muss das permanent anpassen. Und man muss dafür sorgen, dass sich die Lernkurve beim Pferd autodynamisch entwickelt und alles auf einem intrinsischen Impuls des Pferdes basiert. Darüber hinaus sollte man Pferden immer auch Zeit zur Reflexion bzw. zum Nachdenken geben. Das weiß man aus der Hirnforschung. Hier hat man herausgefunden, dass das Gehirn eines Säugetieres unter Stress keine Rückschlüsse ziehen kann. Deshalb hat Joggen zum Beispiel den Ruf, den Kopf so frei zu machen. Daher sollte meine Arbeit bitte nicht mit Arbeit im Round-Pen verwechselt werden. Was ich mache, mag zwar ähnlich aussehen, hat aber eine ganz andere Funktionsweise. Bei meinem Ansatz lassen wir die Pferde auch laufen, halten diesen Fluchtreflex aber immer nur ganz kurz aufrecht. Durch Hinzuziehen mehrerer Richtungswechsel kommt dann das Pferd irgendwann von sich aus zur Ruhe. Ein weiterer, wichtiger Kern meiner Arbeit ist, dass ich immer die Ursache suche und nicht die Symptome behandele. Ich lasse alle Symptome wie sie sind und beschäftige mich beim Training viel mehr mit der Ursache, also das, wofür das Symptom steht.

RIDE YOUR PONY: Was würden Sie denn Menschen raten, die schon ganz viele unterschiedliche Methoden ausprobiert haben und trotzdem nicht weiterkommen?

Timo Ameruoso: Ganz einfach: Andere Entscheidungen = andere Ergebnisse! Nicht mehr und nicht weniger. Da kann dann jeder selbst für sich nachdenken und für sich entscheiden. Das große Problem ist, dass wir selbst denken, dass wir verschiedene Dinge ausprobieren. Dabei machen wir immer das Gleiche. Wir treffen immer die gleichen Entscheidungen. Deshalb sind auch unsere Ergebnisse immer sehr ähnlich. Zu mir hat mal jemand, von dem ich sehr viel über Pferde gelernt habe, gesagt: „Timo, wenn Du das tust, was alle anderen machen, dann erhältst Du auch nur die Ergebnisse, die alle anderen haben.“

RIDE YOUR PONY: Und wie findet man raus, was das ist?

Timo Ameruoso: Da hilft nur ausprobieren. Ob es das Richtige ist, wird am Ergebnis und an dem Weg, der dazu geführt hat, gemessen.

RIDE YOUR PONY: Dazu passend: Welche Frage sollten sich aus Ihrer Sicht Menschen stellen, die irgendwie mit Pferden zu tun haben?

Timo Ameruoso: Warum sind alle Probleme, die man hat, immer sehr ähnlich? Worüber man sich auch noch bewusst werden muss, ist dass die Beziehung zu unseren Pferden immer auf Gefangenschaft basiert. Daraus resultiert, dass Pferde immer zu Pferden und nicht zu Menschen gehen würden, wenn sie die freie Wahl hätten. Ganz wichtig! Der Spielraum, den wir haben, ist sehr, sehr eng.

RIDE YOUR PONY: Finden Sie es eigentlich richtig, dass Menschen auf Pferden reiten?

Timo Ameruoso: Jein. Das ist nicht so einfach zu beantworten. Zum einen reite ich meine Pferde auch, allerdings im Vergleich viel weniger als die breite Masse. Und ich höre viel früher auf. Wenn ich merke, mein Pferd hat gekämpft, fühlt sich aber zum Beispiel vom Rücken her nicht so wohl, dann reite ich es nicht. Selbst, wenn es fit ist. Und ich gebe den Pferden sehr viel psychischen Raum, das heißt, ganz grob und einfach ausgedrückt: Je besser etwas klappt, desto weniger tun wir es. Pferde sind aufgrund ihrer Statik und Psyche zum Reiten eigentlich nicht gemacht. Daher ist es mir besonders wichtig, dass die Pferde sehr lange aufs Reiten vorbereitet werden. Dazu bauen wir die entsprechenden Muskeln auf und bereiten sie mental gut vor. Der einzige Punkt, der fürs Reiten spricht, ist der, dass das Reiten unter bestimmten Voraussetzungen die Beziehung zwischen Pferd und Mensch enorm weit nach vorne bringt.

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Pferd Paolo und Timo Ameruoso verstehen sich

RIDE YOUR PONY: Und welches sind diese Voraussetzungen?

Timo Ameruoso: Das ist einfach erklärt: Wie läuft es ab, wenn ein Pferd zum Beispiel von einem Löwen in der freien Wildbahn angegriffen wird? Der Löwe springt auf den Rücken des Pferdes und tötet es von dort aus. Nun sitzt der Reiter eben genau da. Was ist der Reiter bzw. der Mensch? Ein Raubtier. Deshalb entsteht da eine ganz sensible Situation. Wenn man das klug macht und eben gut vorbereitet, dann bringt das die Beziehung noch mal enorm weit nach vorn.

RIDE YOUR PONY: Auch das leuchtet ein. Wir sind froh, dass unsere Pferde sich von uns reiten lassen.

Die Ausführungen von Timo Ameruoso haben uns so gut gefallen, dass wir uns mehr mit seinem Ansatz beschäftigen wollen. Zum Abschluss empfiehlt er uns sein Buch „Seitenblicke“. In dem Buch ist bereits einiges zur Methodik sowie zu seinem Ansatz beschrieben und verheißt, zur ultimativen Beziehung zwischen Pferd und Mensch zu verhelfen. Außerdem bekommen wir den Hinweis, dass er dabei ist, ein Pferdemediations- und Leistungszentrum aufzubauen. Spartenstich soll Anfang September sein. Zudem wird es ein TV-Format im Hessischen Rundfunk mit ihm geben, das Ende diesen Jahres starten wird. Für uns ist Timo Ameruoso ein viel beschäftigter Pferdemediator, der es trotz vollem Terminkalender schafft, Menschen selbst via Telefoninterview zu begeistern – Caro, seine Interviewpartnerin von RIDE YOUR PONY, ist nun zumindest voller Tatendrang! Für einen rundum Blick auf seine Angebote hier der aktuelle:

Flyer Timo Ameruoso

Vielen Dank an Timo Ameruoso für das nette Gespräch und bis bald beim offenen Training!

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Timo Ameruoso hat ein großes Herz für Pferde

Um möglichst vielen Reitern und Pferdefans Mut zu machen, Neues mit ihrem Partner „Pferd“ auszuprobieren, sind wir für unsere Rubrik „Mutmachgeschichten“ immer auf der Suche nach neuen „Mutmachern“. Wenn Du einen Beitrag für uns hast oder jemanden kennst, der hier vorgestellt werden sollte: Gerne bei uns melden. Dabei ist es nicht wichtig, dass die Person bereits Buchautor*in und/oder Trainer*in ist. Es kann auch einfach eine Stallnachbarin oder liebe Freundin sein, die durch ihre Art anderen Mut macht und den Pferden hilft.

Dein RIDE YOUR PONY – Team

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